Wir

Für jeden von uns hat Aikido eine etwas andere Bedeutung. Oder jeder hat oder hatte ein anderes Motiv, um zu trainieren. In ihrer Gesamtheit bilden alle diese Motive eine Einheit:

„Ich trainiere hier, weil die Aikido-Philosophie zu meinem Lebensprinzip geworden ist“ Rainer

„Ich mach Aikido, weil ich schon immer einen Sport gesucht habe, der Budo mit Ki verbindet“ Carin

„Ich wollte Budo ohne Sieger und Verlierer“ Gunnar

Was wird dein Motiv sein?


Unser Sensei ist Duncan Underwood

Seit 1997 leitet Duncan Underwood (6. Dan Aikikai Honbu-Dojo / 4. Dan Daitoryu Aiki Jujutsu Bokuyokan) die Aikido-Gruppe im TSV Oldenswort – im Herzen Eiderstedts hat sich die fernöstliche Kampfsportart also schon etabliert. Duncan Underwood ist Vorsitzender unseres Aikidoverbandes und offizieller Vertreter gegenüber dem Hombu Dojo.

Das sind seine Stationen:

1981-1983   Aikikai Münster

1983-1985   Aikido-Zen Institut Gerd Walter

1985-1989   Aikikai Köln im Dojo Hans Jürgen Klages

(Alles unter Leitung von Asai Sensei)

1989   Eintritt ins Shinki-Rengo-Aikido unter der Leitung von Daishiro Nakajima Sensei

1989-1996   Shinki-Dojo Oberkessach

1997 bis heute Leitung der Aikido-Gruppe und der Shinki Toho Schwertschule in Oldenswort

Wir gehören dem Shinki-Rengo an unter der Leitung von Daishiro Nakajima Sensei.

Unsere Dan-Graduierungen werden vom Honbu Dojo ausgestellt.

Die Kyu-Grade werden verbandsintern vergeben.


Unsere Co-Trainer

Unser Trainer wird durch ein erfahrenes Team unterstützt. Carin Klamberg (3. Dan) und Svenja Clausen (2. Dan) assistieren, so dass Anfänger individuell gefördert werden und immer ein qualitativ gutes Training gewährleistet ist.


Unser Trainer für die Kurzen

Frank Jochimsen (4. Kyu) leitet das Kindertraining (für Kinder ab 6 Jahre). Trainiert wird jeden Freitag von 17:30 Uhr bis 18:45 Uhr. Aikido für Kinder unterstützt das natürliche Bewegungsbedürfnis, die Techniken stehen noch nicht im Vordergrund. Die Kinder verlieren ihre Angst vor dem Fallen und lernen Bewegungsformen und Koordination. Durch den ganzheitlichen Ansatz des Aikido werden neben den motorischen Fähigkeiten auch Konzentration und Aufmerksamkeit trainiert.

Das Aikido-Training funktioniert bei Kindern genauso wie bei den Erwachsenen nur mit Respekt, Vertrauen und Disziplin. Auch diese Fähigkeiten werden im Training gefördert. Der Blick für die eigene Wahrnehmung wird geschult und das soziale Miteinander trainiert.

Kinder (und ihre Eltern) dürfen gerne einmal vorbeikommen, selber schauen und auch gleich mitmachen; sie sind jederzeit willkommen.

Mattengeflüster

An dieser Stelle veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen Interviews mit unserem Sensei Duncan Underwood (DU). Es sind Gedanken zu Hintergründigem und Vordergründigem, Ursprüngen, großen Zusammenhängen und kleinen Details.

Kommentare sind ausdrücklich erwünscht.

Die Interviews führte Nicole Knudsen (NK).

Erstes Interview: Aikido: Kampfsport oder Kampfkunst?

NK: Duncan, du sprichst bei Aikido oder Budo von Kampfkunst. An anderer Stelle ist aber auch vom Begriff Kampfsport die Rede. Was ist richtig?

DU: Meiner Meinung nach muss man sich anschauen, woher Budo kommt. Der Ursprung lag sicherlich im Kampf, in der kriegerischen Auseinandersetzung der Samurai.

Aber es gab einige dieser Krieger, denen durch diese intensive Auseinandersetzung mit den verschiedenen technischen Möglichkeiten und den Situationen beim Kämpfen klar wurde, dass durch das Weglassen der reinen Körperlichkeit (Kraft, Technik), viel mehr erreicht werden konnte. Das Loslassen des Willens und sich der Intuition preisgeben eröffnete Ihnen die Einsichten in eine umfassendere Sichtweise. Aus der konfrontativen Begegnung wurde die Beschäftigung mit Sinnhaftigkeit des menschlichen Daseins. Somit wurden die Aspekte des Kampfes dazu genutzt, die tieferen Beweggründe der Beziehungen und Begegnungen der Menschen zu ergründen. Aus dem Vernichtungswillen im Kampf wurde das Bewusstsein eines weit größeren Auftrags in der Welt.

NK: "Kunst" klingt in unserer Sprache eher nach Schöngeistigem und so gar nicht nach Kampf. Ist das Begriffspaar nicht ein Widerspruch in sich?

DU: Kampfkunst steht dem wirklichen Kampf nicht diametral gegenüber. Man kann sich die martialische Auseinandersetzung aus der Kampfkunst nicht wegdenken. Diese Konfrontationen schärfen die Sinne, bilden die Grundlage (wie oben schon gesagt) für das sich öffnen. Schärfe und Weichheit sind eine Einheit und nicht zu trennen. Deswegen muss beides, das Kämpfen und die Ergründung der inneren Prinzipien, geübt werden. Wenn man eines dieser Aspekte, die sich in dem Wort Kampfkunst wiederfinden, abtrennt, hat man Budo nicht verstanden.

 NK: Und was ist mit dem Sport?

DU: Sport ist auf siegen und gewinnen aus. Es gibt Regeln, an die sich die Athleten halten müssen - und es gehören auch Techniken und eine gewisse körperliche Fitness dazu. Eine darüber hinausgehende spirituelle Weiterentwicklung ist nicht unbedingt nötig. Natürlich hat Sport auch künstlerische Elemente. Unter Fußballern zum Beispiel gibt es auch Ballkünstler. Aber das ist hier nicht gemeint. Kampfkunst beinhaltet zwar auch diese sportliche Athletik, sie geht jedoch weiter und unterliegt keinem Reglement. Kampfkunst beinhaltet die ganze Größe der Begegnung, ist mehr als das Kämpfen. In der Ganzheit der Begegnung geht es um die Stellung des Menschen in der Welt und dem Zusammenhang zwischen Menschen, Natur und Kosmos, der ganzen dem inne liegenden Spiritualität. Die Menschen, die aus dem kriegerischen Akt und dem reinen Kampfsport eine Kampfkunst machten, hatten alle einen spirituellen Hintergrund oder haben ihn dadurch gefunden. Sie haben tiefe Einsichten über sich und die Welt dabei gewonnen. Kampfkunst ist unmittelbar mit dieser geistigen Beschäftigung verbunden. Früher wie heute.

 NK: Kann man sagen, dass Kampfsport den Sieg über den anderen bedeutet, die Kampfkunst dagegen den Sieg über sich selbst?

DU: Das kann man nur bedingt sagen. Denn dann hätte man das Ende schon vorweggenommen und es wäre auch impliziert, dass es ein Ende gibt. Die Kampfkunst gibt einem das Rüstzeug, das kleine ICH (Egoismus, Besitzen wollen, Selbstgefälligkeit etc.) zu besiegen um das Fallenlassen zu ermöglichen. Die Loslösung vom kleinen ICH gelingt nicht, wenn man am Gedanken des Ziels festhält. Der Satz "Der Weg ist das Ziel" klingt zwar abgedroschen, aber er enthält eine unglaubliche Tiefe und wird sicherlich kaum verstanden. Ich meine damit nicht, dass man dem Ziel gegenüber gleichgültig werden oder alles im Nebulösen lassen soll. Aber die Bilder und Begriffe, die man damit in seinem Kopf auslöst sollen nur die Orientierungspunkte sein und sollten - sobald es geht - weggelassen werden. Es geht vielmehr darum, intuitiv zu sehen, zu lernen. Das ist für uns Europäer im 21. Jahrhundert sehr schwer, unser Ausgangspunkt ist eher das logische rationale Weltbild, deswegen brauchen wir diese Orientierungspunkte. Doch Bilder und auch Worte können in die Irre führen. Darum braucht man Lehrer, die einem den Weg zeigen.

NK: Lieber Duncan, ich danke für das Gespräch. Im zweiten Interview wird es um die Frage gehen, wie sich Budo in den Alltag integrieren lässt.

Zweites Interview: Budo und Alltag

NK: Duncan, du sprichst oft darüber, dass BuDO ein Weg ist, den man nicht nur auf der Tatami geht, sondern der das ganze Leben umfasst. Wie lebst du Budo im Alltag?

 DU: Das ist eine leichte und zugleich schwere Frage. Das Budo-Prinzip lässt sich nur bedingt in Worte fassen, aber es lässt sich auf keinen Fall vom Leben als solches trennen. Das Budo-Dasein ist das Deutlichmachen der Prinzipien, wie wir miteinander umgehen in der ganzen Vielfalt des Lebens. Wenn wir an Budo denken, denken wir  zuerst an Kampf und Gewinnen, aber das sind nur Nebeneffekte. Das hat sich erst in den letzen rund 150 Jahren herauskristallisiert, seitdem die kriegerische Auseinandersetzung in unserem Alltag keine so große Rolle mehr spielt. Gleichzeitig sind unser Leben und unser Alltag geprägt von kleinen zwischenmenschlichen Auseinandersetzungen. Das Leben besteht aus Widersprüchen, einem Gegeneinander und einem Miteinander. Budo spiegelt sich darin wider. Wir greifen an und verteidigen uns auch verbal und mit Gesten. Je tiefer man in Budo einsteigt, desto eher erkennt man, dass sich dieses Angreifen und Verteidigen auf allen menschlichen Ebenen abspielt. Das Erlernen von Aikido führt dazu, dass sich diese Konflikte auch außerhalb des Dojos auflösen lassen, wobei auch hier eine große Bandbreite vorhanden ist bis hin zum optimalen harmonischen Beenden des Konflikts.

 

NK: Wie kann Angriff zu Harmonie führen?

DU: Wenn man den Weg des Budo nicht selber geht, ist es schwer, ihn in Worte zu fassen. Den Umgang mit Aggression macht jeder mit sich selber aus. Den scheinbaren Widerspruch des Kämpfens und Gewinnens im Budo und das Gefühl wie es ist, wenn sich Konflikte in Harmonie auflösen, spürt man erst nach jahrelangem Üben. Insbesondere beim Aikido. Beim Aikido ist diese Veränderung besonders ausgeprägt, weil die angreifende Kraft umgewandelt wird in eine nicht-zerstörerische. In anderen Budo-Sportarten ist dieser Ansatz verkümmert, insbesondere, wenn sie Wettkampforientiert sind. Wettkämpfe werden bestritten, um zu gewinnen, nicht, um die Begegnung umzuwandeln.

 

NK: Heißt das, dass man durch den konsequenten BuDO lernt, Konflikten oder Konfrontationen im Alltag nicht aus dem Weg zu gehen, sondern diese zu gestalten?

DU: Ja, durch BuDO erfährt man, dass Konflikte viel damit zu tun haben, wie Menschen aufeinander reagieren. Budo ist kein reglementierendes Prinzip, sondern ein Eins-Werden mit und das Spüren des Da-Sein. Man bewegt sich nach jahrelangem Üben auf einer auch im Alltag den reinen Konflikt annehmenden und akzeptierenden Ebene. Man lernt Dinge zuzulassen und dadurch eröffnen sich viel mehr Möglichkeiten. Man erkennt, dass man sich nicht verletzen muss, das ist unnötig geworden. Diese Erkenntnis ermöglicht, Aggression in welcher Form auch immer, anders – entspannter -  zu betrachten. Ob man immer eine Lösung findet für den Konflikt, ist eine andere Frage.

 

NK: Steht einem das „kleine Ich“, die eigene Eitelkeit dabei nicht manchmal im Weg?

DU: Das kann passieren, Budo heißt ja auch den Sieg über das kleine Ich, den eigenen Egoismus,  zu erlangen. Wenn man in sich ruht, ist die Eitelkeit nicht mehr vorhanden und kann somit auch nicht mehr gegen einen verwendet werden. Die natürliche Reaktion ist normalerweise erst einmal gekränkt zu sein, wenn das eigene Verhalten nicht gewürdigt wird, man keine Anerkennung bekommt. Doch Verinnerlichen des Loslassens erlaubt es einem, den eigenen Beitrag nicht ganz so wichtig zu nehmen.

 

NK: Wie würdest du den anderen Weg beschreiben: Nicht Budo im Alltag zu leben sondern den Alltag mit auf die Tatami zu nehmen?

DU: Zwischen Alltag und Tatami gibt es für mich keinen Unterschied. Das Da-Sein ist immer das gleiche, es braucht kein Umschalten zu geben. Das Menschsein außerhalb und auf der Matte unterscheidet sich nicht. Das Fallenlassen findet immer statt und ist nicht daran gebunden zu trainieren. So entwickelt es sich auf jeden Fall im Laufe der Jahre. Bzw. man bekommt die Möglichkeit sich dahin zu entwickeln.

Durch Budo habe ich immer eine grundsätzliche Freude in mir drin und habe die Kraft bekommen, Freude auch in schwierigen Situationen zu entdecken. Es gibt immer verschiedene Aspekte, gewisse Reaktionen, viele kleine Dinge, die ich spüren kann und die die Schwere der Situation leichter machen. Natürlich gibt es auch durch und durch leidvolle Situationen, aber die Grundeinstellung zum Leben ist eher Freude.

 

NK: Gehört das zu dem Budo-Prinzip? Was bedeutet es für dich?

DU: Wenn man BuDO immer weiter geht, erfährt man, dass alle Dinge eins sind und man auch immer der gleiche ist. Natürlich ist es leichter, wenn man an einem schönen Strand spazieren geht als im stressigen Alltag. Doch das Prinzip bleibt immer das gleiche.

Dieses Prinzip erlernt man, in dem man erst einmal, vielleicht Jahre, die BuDO-Techniken lernt, man muss üben und üben und das nachmachen, was der Lehrer zeigt. Dann werden die Techniken in ihrem Ablauf selbstverständlich und man kann sie und sich weiter entwickeln. Das ist das Geheimnis. Man muss erst die äußere Form lernen, bevor die innere sichtbar werden kann. Wenn die Form selbstverständlich geworden ist, eröffnen sich viele Möglichkeiten gerade für den inneren Weg. Auch im Alltag. Oder gerade dort. Dann erkennt man, dass die Begegnung mit einem Menschen mehr ist als ein äußerer Ablauf. Dann erfährt man die Kraft von Weich und Scharf in diesem Bindungsgefüge. Diesem auf den Grund zu gehen – das ist BuDO.

 

NK: Lieber Duncan, ich danke dir für das Gespräch.

Drittes Interview: Rituale im Budo

Rituale, Bräuche, Zeremonien: sie begleiten und formen nicht nur religiöse oder spirituelle Handlungen, sondern auch mehr oder weniger sichtbar unseren Alltag. Budo ist vielleicht mehr als andere Sportarten ebenfalls geprägt von zahlreichen Riten. Grund genug, sich dem Thema in unserem dritten Interview zu nähern.

NK: Duncan, Rituale im Budo sind vielschichtig. Es fängt beim Anziehen des Gi oder des Hakama an und endet bei dem Verbeugen, wenn man das Dojo verlässt. Ist das nur eine schöne Geste oder steckt mehr dahinter?

DU: Rituale sind gerade im Budo essentiell. Ohne Riten finden bestimmte Dinge gar nicht statt. Sie sind auch deswegen wichtig, weil sie was mit Verlässlichkeit zu tun haben. Sie geben einem die Möglichkeit, sich auf wesentliche Dinge zu konzentrieren. Wenn Abläufe für alle gleich fest definiert sind, muss man sich nicht auf die Modalitäten im Umgang mit Menschen besinnen.

Insbesondere im BuDO sind sie wichtig, weil ein innerer Weg (DO) beschritten werden soll. Das braucht unsere ganze Hinwendung. Rituale sind zwar Äußerlichkeiten, aber sie helfen, dass wir andere Äußerlichkeiten außer Acht lassen können. Durch diese Äußerlichkeiten machen Rituale zwar die Rahmenbedingungen gleich, aber nicht die Inhalte, das DO. Bewegt man sich zu sehr außerhalb des Rahmens, gehört man nicht dazu, bricht mit dem vereinbarten Umgang.

NK: Verleiten Rituale nicht auch dazu, sich blind Prozessen und Abläufen hinzugeben?

DU: Ritualen soll man nicht kritiklos folgen, ohne sie zu hinterfragen. Das ist ein schmaler Weg, denn auf der anderen Seite muss man auf den Meister hören und ihm vertrauen. Schließlich sucht man sich den Lehrer, dem man vertraut. Dann kann man sich auch auf die von ihm gelehrten und angewandten Rituale verlassen. Wenn Rituale nur dazu dienen sich selbst zu dienen, dann taugen sie nicht. Wenn sie nur dazu dienen, Hierarchien zu festigen oder Glaubensgrundsätze auszuweiten, sind sie sogar schädlich. Das habe ich selber erlebt, dass Menschen Rituale oder künstliche Prozesse nur dazu benutzt haben, um ihre Machtstrukturen zu bewahren.

Das ist nicht mein Verständnis von Budo. Hier sollen Rituale festlegen, wie die Begegnung auf der Matte zu sein hat, sie folgen einer gewissen Ethik, dann dienen sie auch dem inneren Fortschritt. Riten sind nur eine Grundbedingung. Was man daraus macht, ist individuell. Man kann sagen: „ich mach das, halte mich an Rituale als Rahmenbedingung und habe damit eine Möglichkeit geschaffen, DO für mich zu finden und zu gehen“.

NK: Einige Rituale haben wir schon angesprochen: Sich den Gi oder Hakama anziehen, sich verneigen, wenn man das Dojo betritt oder verlässt. Gibt es welche, die dir besonders wichtig sind?

DU: In ihrer Gesamtheit sind sie als Summe alle bedeutsam. Einen besonderen Stellenwert hat die Achtung dem anderen gegenüber und das respektvolle Benehmen. Dazu gehört, dass man sauber auf die Matte geht, sich im Rahmen der Etikette bewegt. Ein Dojo ist auch ein Ort der inneren Hinwendung, nicht nur der körperlichen Übung. Dem muss man sich anpassen, darauf muss man sich einlassen. Bereits das Betreten des Dojo ist Hinwendung zum inneren Weg. Dazu gehört die vorgegebene Achtung, zum Beispiel das Verbeugen.

NK: Kann man die Rituale im Budo auf den Alltag übertragen?

DU: Ja sicher, besonders die Achtung voreinander. Durch das Äußere wird das Innere geprägt und umgekehrt. Auch im Alltag ist es wichtig eine Atmosphäre zu schaffen, in der Hingabe möglich ist. Hier wie dort - auf der Matte und im Alltag - muss innere Kreativität möglich sein als eine Art künstlerischer Akt. Alles ist DO, ist Weg. Wenn diese Einsicht auch den Alltag prägt, wird alles Tun und Denken in Hingabe immer mehr zu einer Einheit. Ein ganzes Leben in Hingabe und Achtsamkeit ist das Ziel. Hierbei spielen Rituale eine große Rolle. Sie helfen, sich selber zurückzunehmen und aufnehmen zu können. Auf der Matte drückt sich das zum Beispiel aus durch das Ruhig sein, das Akzeptieren, das Verbeugen, es gibt keine Diskussionen.

NK: Budo kommt ursprünglich aus Asien. Ein Erdteil mit einer ganz anderen Geschichte, einer völlig anderen Kultur und einem anderen Kontext. Lassen sich denn die dort entwickelten Rituale einfach auf Europa übertragen? Haben Rituale in Japan eine andere Bedeutung als in Deutschland?

DU: Ja sicher, in Japan ist das Training viel reglementierter und strenger, weil die ganze Gesellschaft so aufgebaut ist. Der japanische Gesellschaftsentwurf ist ritualisiert und stark hierarchisch. So sind sich die gesellschaftliche Struktur und die Budo-Riten sehr viel ähnlicher als bei uns. In Japan dienen die Rituale auch im Alltag dazu, das „kleine Ich“ wegzulassen, Eitelkeiten sollen zerbrochen werden, viel radikaler als bei uns.

Auch ist das Lehrer-Schüler-Verhältnis viel ausgeprägter und fordernder. Natürlich kann das auch gefährlich sein, weil es autoritäre Strukturen fördert. Es ist eine Gratwanderung, die man immer wieder reflektieren muss. Dafür gibt es keine Blaupause.

Doch auch bei uns ist der äußere Rahmen im Dojo hierarchisch. Ohne Achtung dem Lehrer gegenüber funktioniert Budo auch hier nicht. Generell geben Riten die Ordnung vor, das ist essentiell. Schließlich ist das, was wir auf der Matte machen, auch gefährlich, die Verletzungsgefahr ist groß. Riten und Absprachen schaffen sichere Trainingsbedingungen.

NK: Haben Rituale eine unterschiedliche Bedeutung für Lehrer oder Schüler?

DU: Nur zum Teil. Beim Schwertkampf wird es deutlich, weil sich da der Schüler äußerlich tiefer verbeugt als der Lehrer. Beim Aikido soll sich der Schüler innerlich tiefer verbeugen. Doch gleich bleibt der gegenseitige Respekt. Vielleicht haben Rituale für Lehrer eine andere Aufgabe, weil der Lehrer eine andere Aufgabe hat. Seine Aufgabe ist die Großherzigkeit und das liebende Aufnehmen aller Schüler mit all ihrem Können und ihren Schwächen und die Förderung jedes Einzelnen. Das ist eine große Verantwortung. Dafür ist vielleicht der innere Gleichmut für den Lehrer wichtiger. Doch auch er verbeugt sich vor Kamiza und wird gewahr, dass er nicht der Höchste ist, nicht über allem steht. Deswegen ist das Verbeugen so wichtig. Als Sinnbild für Respekt und Demut.

NK: Eine letzte Frage: Kann es Budo auch ohne Rituale geben?

DU: Nein!

NK: Lieber Duncan, ich danke dir für das Gespräch.

Viertes Interview: Shinkiryu Aiki Budo

Shinki-Budo setzt sich aus drei Bereichen zusammen: Aikido Shinki Rengo, Daitoryu Aiki Jujutsu, Itto-den Shinki Toho. Wie gehören sie zusammen und muss man sie alle regelmäßig üben? Was ist gleich bei allen und was sind die Unterschiede? Dazu nimmt Sensei Duncan Underwood (6.Dan Aikikai Honbu-Dojo. 4.Dan Daitoryu Aiki Jujutsu Bokuyokan) in unserem vierten Interview Stellung.

NK: Lieber Duncan, Aikido, Daitoryu oder auch Schwert: wie ist Nakajima Sensei dazu gekommen, diese drei Kampfkünste im Shinkiryu Aiki Budo zu vereinen?

DU: Aikido hat das Ziel, mit harmonischen und fließenden Bewegungen einem Angriff zu begegnen. Bei Daitoryu ist das Ziel, einen Angriff von vornherein zu blockieren. Der Schwertkampf ist mit seiner Präzision und Schärfe einer der historischen Ursprünge des Begriffes Budo. Nakajima Senseis Vision war es, diese Aspekte zusammenzuführen. Das war sein Motiv, um alle inneren und äußeren Aspekte des Budos weiter zu entwickeln - eine bewundernswerte Leistung.

NK: Gibt es eine zeitliche oder historische Einordnung?

DU: Alle drei Kampfkünste hat es ja vorher schon gegeben, auch wenn wir im Shinki Rengo früher nur Aikido geübt haben. Ursprünglich hat sich Aikido aus dem Daitoryu entwickelt. Vor rund 30 Jahren hat Nakajima Sensei dann das klassische Aikido-Training um Daitoryu-Elemente erweitert. Die Techniken sind ja teilweise gleich, nur die Durchführung ist anders - sie fühlen sich anders an. Beim Daitoryu ist die Schärfe unmittelbar da, beim Aikido entwickelt sie sich durch dynamische Kreisbewegungen, doch die Grundlage bei beiden ist die Beibehaltung der Mitte. Einige Jahre später kam das Schwerttraining dazu. Nakajima Sensei hatte nach einer grundlegenden Schwertrichtung gesucht, die hat er im Ono-Ha Ittō-Ryū gefunden und nachdem er sich noch andere Ittō-Ryū-Schulen angeschaut hatte, kam es zur Gründung von Ittoden Shinki Toho

Bezeichnender Weise ist das Honbu-Dojo des Ono-Ha Ittō-Ryū in Tokyo eine christliche Kirche. Daran erkennt man den anderen Stellenwert des Budo in der japanischen Gesellschaft. Die inneren Grundlagen des Budo haben dort eine ausgeprägte spirituelle Grundlage.

Daitoryu und Schwert gab es also vorher schon, die Aspekte der drei eigenständigen Budo-Arten sollten den Schülern zu Bewusstsein gebracht werden.

NK: Alle drei Kampfkünste sind also für sich eigenständig im Budo tief verwurzelt. Das ist bei allen gleich. Aber welche Aspekte sind unterschiedlich?

DU: Aikido ist eine weiter entwickelte Form des Daitoryu, der vernichtende Aspekt steht nicht so im Vordergrund wie bei Daitoryu. Beim Schwert sind die Begegnungen sichtbar scharf. Die Schwierigkeit beim Schwert ist es, dass die Schärfe schnell ausartet in Grobheit und nicht beachtet wird, dass letztendlich die Gesamthaltung die bestimmende Haltung ist. Es tritt immer der ganze Mensch in die Begegnung ein. Beim Schwert gilt auch das sofortige Beenden der Begegnung, insofern ist es dem Daitoryu vielleicht näher.

NK: Durch die fließenden Bewegungen wirkt Aikido oftmals weicher als Daitoryu…

DU: Aikido ist nicht weicher, nur die Eingangsphasen sind bei Aikido und Daitoryu unterschiedlich. Beim Aikido ist diese länger, aber nicht weniger eindeutig. Daitoryu lebt vom direkteren Eintreten, hat dadurch einen schärferen „Geschmack“, wirkt „martialischer“. Durch das sofortige Beenden des Angriffs hat der Angreifer keine Zeit darüber nachzudenken, dass er verloren hat. Aikido gibt dem anderen mehr Zeit. Auch beim Aikido ist das erste Eintreten der wichtigste Schritt, um die Kontrolle über die Situation zu bekommen. Es gibt dem Angreifer aber doch mehr Raum. Dadurch wirkt Aikido vielleicht dynamischer oder auch liebevoller. Das Wort Liebe ist vielleicht nicht ganz passend, wenn man sich in einer Kampfsituation befindet. Vielleicht ist „freundlicher“ oder „harmonischer“ das bessere Wort. Doch lebt Aikido nicht nur durch weiches Aufnehmen. Ohne Schärfe oder Konsequenz der Bewegung würde Aikido seinen Charakter verlieren, die Klarheit ginge verloren und das, was von innen wachsen soll, würde abgedämpft. Egal, ob sofortiges Blocken des Angriffs oder ein Aufnehmen der Bewegung: Aikido und Daitoryu haben beide vereinigende Aspekte, man muss mit dem Angriff verschmelzen.

NK: Muss man denn nun alles lernen oder kann man sich innerhalb von Shinki auf eine Kampfkunst konzentrieren?

DU: Dem einen liegt Aikido mehr, dem anderen eher Daitoryu, noch andere lernen lieber nur Schwert, was halt eher der eigenen Persönlichkeit entspricht. Dem einen liegt das Direkte mehr, dem anderen mehr das Verzögerte. Das Schwert als Gegenstand in der Hand fördert und fordert mehr Strenge und Aufmerksamkeit.

Doch: Auch wenn einer der drei Kampfkünste vielleicht nicht auf Anhieb der eigenen Persönlichkeit entspricht,  man sie aber trotzdem alle drei übt, erkennt man nach einiger Zeit auch die Bedeutungen der anderen eher. Wenn man zum Beispiel Maler ist und dann Bildhauer wird, wird das Bildhauen das spätere Malen beeinflussen. So ist es auch mit den Budo-Künsten. Alle drei haben Einfluss auf die persönliche Entwicklung. Aber man kann auch nur das Eine oder Andere trainieren. Das kommt darauf an, worauf man den ursprünglichen Wert legt: Technik oder Kampfwirksamkeit. Mit Technik meine ich, nur die technische Seite zu lernen, bei Kampfwirksamkeit meine ich, nur die Effektivität raus zu filtern. Wenn man allerdings die Gesamtheit entwickeln möchte ist es egal, was man macht, sie alle dienen der eigenen Weiterentwicklung. Es gibt dabei keine Reihenfolge.

NK: Hast du eine persönliche Vorliebe?

DU: Ich lege mehr Schwerpunkt auf Aikido. Meine Gründe dafür habe ich bereits ausführlicher in der Shinki News Nummer 10 erklärt. Grundsätzlich aber gäbe es kein Aikido ohne Schwert oder Daitoryu. Alles andere ist Beiwerk.

NK: Lieber Duncan, ich danke dir für das Gespräch.