Aikido

Budo ist der Überbegriff für die alten Kampfkünste und vor allem deren Grundlage. Diese beinhalten nicht nur die Beherrschung der Techniken, sondern auch das Erlernen der Kontrolle über das eigene Ich und dem sich Überlassen einer größeren Kraft. Dadurch erlangten die Samurai die Fähigkeit, ohne Angst vor dem Sterben bedingungslos zu kämpfen. Die innere Größe, die dadurch entwickelt wird, schlägt sich sichtbar in den verschiedenen von ihnen ausgeübten Künsten nieder (z.B. Kaligraphie, Malerei, Dichtung, Teezeremonien).

Aikido ist eine der modernsten Kampfkünste. Es wurde in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts vom Großmeister Morihei Ueshiba entwickelt, basierend auf überlieferte Kampfkünste der Samurai, vor allem dem Daitoryu Aiki Jiujitsu. Das Aikido steht in seinen Techniken diesem sehr Nahe und stellt eine Weiterentwicklung dieser sehr alten Kampfkunst dar.

Meister Ueshiba war ein sehr religiöser Mensch und nachdem er tiefe geistige Erfahrungen erlebt hat, wurde ihm klar, dass das Zusammenleben und Wirken der Menschen in seinen Grundtiefen nicht auf Konfrontation und Krieg beruht, sondern getragen wird von der großen Kraft der göttlichen Liebe. Durch dieses Erleuchtungserlebnis angetrieben versuchte er das Budo seiner, wie er meinte, eigentlichen Bestimmung zuzuführen.

Da das Daitoryu doch einen kriegerischen Hintergrund und den Sieg über einen etwaigen Gegner als Grundlage hat, war es für Ueshiba wichtig, seine Kampfkunst auf eine andere Ebene zu heben. Er hat das erreicht, indem er aus den sehr direkten, eher auf sofortiger Beendigung ausgelegten Techniken des Daitoryu, ein eher konfliktlösendes Prinzip entwickelt hat.


Das „Ki“ in Aikido

Bei der Kampfkunst Aikido kam es Meister Ueshiba im Wesentlichen darauf an, die Grundkraft des Universums, nämlich das Prinzip der göttlichen Liebe, zum Ausdruck zu bringen, ohne dass der Charakter des Budo verloren geht. Die Konfrontation durch den Angreifer wird durch ein Aufnehmen der entgegenkommenden Energie in kreis- und spiralförmige Bewegungen neutralisiert.

Eine aggressive Ausrichtung von Seiten einer angreifenden Kraft soll möglichst ohne Vernichtung des Angreifers aufgelöst werden. Es spielt dabei keine Rolle, ob es sich um Schläge, Tritte oder Griffe handelt. In seiner höchsten Form bedeutet Aikido dann ein erst gar nicht Zulassen der Aggression.

Aikido trainiert die verschiedensten Fähigkeiten. Auf der einen Seite stärkt Aikido die allgemeine Koordination, Geschicklichkeit und auch Kondition. Auf der anderen Seite wird die Kraft der eigenen Mitte durch das "Ki" (fließende Lebensenergie) bewusst gemacht. Der Mensch wird in seiner Gesamtheit erfasst und gefördert.

Für euch gelesen

Hier findet ihr in loser Folge Bewertungen zu Büchern über Budo im Allgemeinen, Aikido im Speziellen und anderen verwandten Themen. Wir werden diese in ungefähr vierwöchentlichen Abständen aktualisieren. Solltet ihr eines der besprochenen Bücher leihen wollen, meldet euch bitte.

Rezension Nummer Eins: Taisen Deshimaru-Roshi / ZEN in den Kampfkünsten Japans

Die erste von mehreren in loser Folge kommenden Rezensionen zu Büchern über Budo, Zen und verwandten Themen behandelt Deshimaru-Roshi`s Buch über „ZEN in den Kampfkünsten Japans“. Ein anspruchsvoller Einstieg. Die deutsche Erstausgabe ist von 1978, heute ist das noch immer hochaktuelle Buch  nur noch antiquarisch zu bekommen. ZEN-Meister Taisen Deshimaru-Roshi (TDR) gibt darin seine vertiefenden Ansichten darüber weiter, dass „Budo“ nicht ohne „DO“ oder Zazen gesehen werden kann– eine Schriftreihe entstanden im Nachgang zu einem ZEN-Seminar in der Schweiz, herausgegeben von Marc de Smedt (MdS).  Zahlreiche vom Meister selbst verfasste Kalligrafien unterstreichen die Vielheit von DO. Das Buch ist in den vergangenen Jahrzehnten zu einem Standardwerk geworden – ein Muss für jeden Budoka, der sich auf den langen Weg zu einem tieferen Verständnis japanischer Kampfkünste macht. Ein Weg, der letztendlich zu einem selber führt und auf dem es kein Ankommen gibt.

Zum Inhalt:

Kapitel 1: Bushido – der Weg des Samurai

TDR beschreibt die Komplexität des „Weg des Kriegers“: Im Bushido liegt der Beginn von allem: das Unterrichten der Budo-Techniken, begleitet von tradierter Morallehre und einer Lebenseinstellung mit ihrem Ursprung im Buddhismus und Shintoismus. Dass bereits auf den ersten Seiten vom Nicht-Ich gesprochen wird, einem alles-durchdringenden Geist und dem Kern des Zazen darf den Leser nicht abschrecken. Zu hilfreich sind die folgenden Erläuterungen wie es gelingen kann, seinen Geist zu lenken. Denn darin besteht das Geheimnis der Kampfkünste – den Augenblick, das „Jetzt“ völlig durchdringen zu können.

Kapitel 2: Mondo 1 (mit Sensei im Gespräch)

In kaum einer anderen Erzählform als dem Mondo wird deutlicher, wie Sensei denkt. So gelingt es dem Leser leicht, sich wie ein stiller Zuhörer neben MdS und TDR zu setzen und der Unterhaltung zu folgen. Im ersten Mondo geht es im Wesentlichen um die Frage, was  wichtiger sei: Shin (Geist), Waza (Technik) oder Tai (Körper). Natürlich ist die Einheit von Geist, Körper und Technik essentiell, doch Shin steht über allem. Die Technik muss intuitiv und absichtslos sein, nur so entfaltet sie ihre volle Wirkung. Körper und Bewusstsein müssen sich vereinigen, eins sein im Jetzt, nur so kann Nage reagieren bevor Ukes Angriff erfolgt. Doch ohne Shin bleibt es BU ohne DO.

Kapitel 3: Bun Bu Ryodo – der zweifache Weg

Wenn man Zazen übt, übt man DO. Doch wie macht man das: DO üben? Einfacher wird es vielleicht, wenn man Zazen übt, denn hier gibt es (wenigstens) eine Technik, Waza: die Konzentration auf Haltung des Körpers, Haltung des Geistes und die richtige Atmung. Zazen muss mushotoku sein, also ohne Zielvorstellung und Streben nach einem Nutzen. TDR beendet das Kapitel hoffnungsvoll: wenn man nur fortgesetzt (Jahrzehnte) Zazen übt, erschließt sich das Geheimnis von DO fast automatisch. Viel Raum nimmt KI ein und verbunden damit die richtige Atmung. Jeder Budoka weiß, dass man beim Einatmen am verletztlichsten ist und der finale Akzent einer Technik nur beim Ausatmen gelingt, das gilt selbstverständlich für Nage ebenso wie für Uke. So hört man den leisen Appell zwischen den Zeilen, mehr KiAi zu üben.  

Kapitel 4: Mondo 2 (mit Sensei im Gespräch)

Als Leser stutzt man zu Beginn dieses Kapitels. Es nimmt eigentlich nicht den Faden der ersten Kapitel auf sondern fängt quasi an einer anderen Stelle neu an – gefühlt liegt diese Stelle gedanklich deutlich vor dem, was man sich als Leser schon „erarbeitet“ hat. Bis man zu der Stelle kommt, an der MdS fragt: „Was ist Angst?“ und Sensei erstaunt antwortet „Angst?“ So, als müsste er wirklich genau überlegen, was es mit dieser Vokabel auf sich hat. Und dann folgen die Erklärungen zu KI und MUSHIN, dem Nichts. In seiner Vollendung vereinen sich Körper und Geist, das Leben und der Tod. So etwas wie Angst scheint sich darin zu verlieren.

Kapitel 5: Leben und Tod

Im Leben der Samurai hatte der Tod eine andere Bedeutung als für uns heute. Zumindest der allgegenwärtig körperliche. Doch gemeint ist hier etwas anderes. Etwas, das in einem sterben muss um wahre Lebenskraft zu finden. Etwas, das ohne Zazen nicht gelingen kann. Etwas, für das es keine Sprache gibt sondern weitergegeben wird von Seele zu Seele.

Taisen Deshimaru-Roshis Buch „ZEN in den Kampfkünsten Japans“ ist eine kleine Offenbarung, kein Werk für Zwischendurch, ist keine leichte Lektüre, die sich zum schnellen Lesen eignet. Eigentlich ist dieses Buch echte Arbeit, will man in die Gedanken Deshimaru-Roshis eintauchen. Echte Arbeit wie ein ernst genommenes Aikido-Training. Man muss das Gehörte Üben, bis sich ein Verständnis entwickelt für das „Große Ganze“. Und DO beschreiten.

Gelesen, bewertet und beschrieben von Nicole Knudsen

Rezension Nummer Zwei: Georg Schrott / Ohne Schwert und ohne Dogma

Für die zweite Buchbesprechung liegt Georg Schrotts „Ohne Schwert und ohne Dogma“ vor mir. Der Untertitel ist es, der neugierig macht. „Innere Lernprozesse auf dem Weg des Aikido“.

Was als erstes auffällt ist der Aufbau des Buches.

Zwei Senseis bieten ihre Hilfe bei dem inneren Lernprozess an. Shikyo Sensei („Meine Schüler sind mir heilig“) und Fushi Sensei („Offene Weite – nichts Heiliges“). Sie geben sich die Ehre, in loser Reihenfolge, mal jeder für sich, mal im Dialog.

Zum Einstieg in jedes Kapitel meldet sich eine innere Stimme zu dem jeweiligen Thema, meistens ein kleingeistiger, nerviger Kobold („ich bin sowieso wahlweise der Stärkste, der Schönste, der Beste, weiß genau wies geht…“); ich weiß nicht, ob er dem einen oder anderen Budoka beim Training unsichtbar auf der Schulter sitzt: ich bin ihm zum Glück lange nicht mehr live begegnet, zumindest erinnere ich mich nicht mehr daran. Am Ende eines Kapitels meldet sich dann eine andere Stimme - unverkennbar ein Senpei oder Sensei – mit klug gewählten Worten, die Kobolds Gedanken aufnimmt und - auflöst. Und schon lebt Budo: Aufnehmen, Einswerden, Auflösen. Dazwischen nimmt Georg Schrott den Leser an die Hand, täuscht ihm banale Erkenntnisse vor und führt ihn letztendlich doch konsequent zu tieferen Einsichten. Der gesamte Lernprozess des Budo zwischen zwei Buchdeckel („Hier ist Jetzt ist Eins“): Man sollte sich Zeit nehmen beim Lesen.   

Zum Inhalt:

Der Autor verspricht nichts, sagt er. Doch ist das tiefgestapelt, was der Leser aber erst später merkt. Nach der Einführung wird im zweiten Kapitel der „innere Uke“ beschrieben. Dieser ist dem kleinen Kobold recht ähnlich, der alle Kapitel einleitet. Viele Budoka bringen ihren inneren Uke (oder ihre inneren Uke, nicht selten sind es gleich mehrere) mit ins Dojo und wären sie alle sichtbar, wäre es recht voll auf der Tatami. Der innere Uke sieht in seinen Partnern Konkurrenten, möchte gern perfekt sein, alles unter Kontrolle haben und versteht das Training letztendlich als Kampf. Dort endet auch sein Weg. Irgendwie AIKI ohne DO. Die innere Stimme am Ende des Kapitels übers Kämpfen besänftigt. „Sei dankbar für deinen Kampfeswillen“ sagt sie und ermuntert den inneren Uke, ihm Klarheit an die Seite zu stellen, Gelassenheit und Vertrauen.  Das Beispiel ist typisch für die Idee des Buches. Schrott weiß, dass jeder Budoka anders ist, andere Stärken und Schwächen hat, und er lädt jeden ein, sich auf den WEG zu machen, auch wenn dieser für jeden anders aussehen wird, für jeden andere Wahrheiten bereit hält. Gleichzeitig warnt Schrott davor, seinen WEG ohne Lebendigkeit zu gehen, „gemacht“ Heiligem Raum zu geben, blind Vorbildern nachzueifern. Fushi Sensei zitiert an dieser Stelle Zenmeister Rinzai: „Wenn du Buddha triffst, töte ihn“ (Hugo M. Enomiya-Lassalle / ZEN Unterweisung).

Der innere Uke muss nicht die Deutungshoheit über unser Leben erlangen – und schon gar nicht behalten.

Ihm an die Seite gestellt ist der innere Nage. Wie beim inneren und äußeren Uke betont Schrott auch beim inneren und äußeren Nage SHIN, WAZA und TAI: nur ihre vollkommene Einheit schafft die rechte Handlung. Alles drei muss geübt werden, immer wieder und wieder, von allen inneren und äußeren Ukes und Nages . WAZA und TAI im Training („schleifen und polieren“), SHIN in der Meditation. SHIN, WAZA und TAI - Für alle braucht man gute Lehrer, um die Einheit herstellen zu können. Das Gute daran: man hat Zeit, sozusagen das ganze Leben.

Was SHIN und die inneren Lernprozesse angeht macht der Autor im letzten Kapitel Riesenschritte. Man kommt als Leser schon mal aus der Puste, muss stehen bleiben und Atem holen, auf sein Herz hören. Und doch ist es genau dieses Kapitel, welches den inneren Lernprozess beflügelt. Gegenwärtigkeit, Achtsamkeit, Bewusstheit, Shoshin (Der Geist des ersten Mals), Zanshin – auch wenn man diesen Geist des Budo vermeintlich kennt, mitgerissen im Strudel der Erkenntnisse bleiben immer wieder andere Dinge haften, verknüpfen sich Erinnerungsbilder neu, der Geist trifft beim Lesen viel bekanntes, doch ist alles neu, alles ist HIER und JETZT. Insbesondere, wenn die Tiefen mentaler Elemente der Aikido-Praxis folgen: MU. Die Auseinandersetzung mit der  Profitlosigkeit, der Feindlosigkeit, der Ich-Losigkeit, des Nicht-Tuns und des Nicht-Geistes. Wenn wir uns von Anhaftungen aus Effizienz-Denken und Erfolg, Ergebnisorientierung und Funktion befreien, innerhalb und außerhalb des Dojo die LEERE, das NICHTS willkommen heißen – erst dann können wir Los-Lassen und Ge-Lassen durchs Leben und zum nächsten Training gehen.

Nur eines fehlte mir hier wie in so vielen anderen Büchern über Budo und Aikido. Es taucht kein einziges Mal das Wort Fröhlichkeit auf. Gleich gehe ich mit großer Freude zum Training („schleifen und polieren“), akzeptiere was ist. Und hab einfach Spaß.

Empfehlung: absolut lesenswert

Gelesen, bewertet und beschrieben von Nicole Knudsen

Rezension Nummer Drei: Hugo M. Enomiya-Lassalle / ZEN-Unterweisung

Die dritte Buchbesprechung behandelt – laut Buchrücken - ein Standardwerk. Hugo M. Enomiya-Lassalle, Jesuit, Religionsphilosoph, Missionar und ZEN-Meister, publizierte zum ersten Mal seine Einleitungen in die ZEN-Meditation. Der Autor will mit seinem Buch nicht weniger als zur Verbreitung eines neuen Bewusstseins beitragen. Sicherlich ist er dazu nach fünfzig Jahren Praxis sehr gut in der Lage. Seit mehr als zwanzig Jahren leitet Lassalle Meditationskurse in Japan und Europa. So ist dieses Buch entstanden: aus den Vorträgen und Anweisungen eines siebentägigen ZEN-Kurses.

Ich fange hinten an. Der Anhang besteht aus zahlreichen Bildern und Erklärungen vom rechten Sitzen und Atmen. Vielleicht sollte der Leser, insbesondere der in der ZEN-Meditation noch ungeübte, dieses zuerst lesen. Dann folgen – für jeden der sieben Kurs-Tage – die Beschreibungen wachsender Erkenntnisstufen und die Eindrücke der Teilnehmer.

Lassalle geht in seiner Meditation einen sehr spirituellen Weg. Ziel seiner Meditation ist die absolute Erleuchtung. „Satori (Erleuchtung)“ gehört zu den am häufigsten benutzten Worten, was den sehr hohen Anspruch des Autors deutlich macht. Er duldet keine Kompromisse.

Nicht nur vor dem Training finde ich Meditation im Zazen hilfreich, um MU zu verstehen oder KI zu sammeln. Dieses gelingt mal mehr, mal weniger gut. Das Wichtigste dabei ist jedoch das Sitzen. Nichts tun. Nichts denken. Nur sein. Und obwohl man doch nur sitzt, für Außenstehende völlig inaktiv und ineffizient, sammelt man Kraft, die einem nicht allein gehört. Eine schöne Erfahrung. Doch man fängt nicht an zu schweben, verfällt nicht in Trance. Erdet sich und lässt geschehen, doch wird nicht: erleuchtet. Vielleicht ist es mein fehlender Ehrgeiz, der mich beim nur-sitzen zufrieden sein lässt, kein Streben nach irgendetwas, auch nicht nach Erleuchtung. Das mag der Grund sein, warum mich dieses Buch nicht so sehr anspricht wie andere. Andere haben vielleicht andere Erfahrungen gemacht.

Für jeden hat Meditation eine andere Bedeutung und so gibt es so viele „Konzepte“ wie es Meditierende gibt, nur kein richtig oder falsch. Jeder meditiert anders vor dem Training, vor der Arbeit oder zwischendurch, ganz nach seiner Fasson. Der eine strebt nach Höherem, der andere sitzt einfach nur da. Ich sitze.

Empfehlung: sehr anspruchsvoll.

Gelesen, bewertet und beschrieben von Nicole Knudsen

Rezension Nummer Vier: Dirk Kropp und Christina Barandun / Aikido – die friedfertige Kampfkunst zur Persönlichkeitsentfaltung

Eigentlich haben wir´s doch gewusst: Aikido (oder besser: Budo) ist mehr als reine Gymnastik. In der vierten Besprechung geht es in dem Buch von Dirk Kropp und Christina Barandun genau darum: Budo um Gelassenheit, Stärke und Harmonie zu finden, zur Charakterbildung und Bewusstseinsschulung.

Folgerichtig fängt das Buch dann auch an mit Meditation – doch statt mit Zazen beginnt es wohltuend mit dem Gespür für den eigenen Körper durch Bewegungsmeditation. Diese Form der sanften Vorbereitung auf das Training wird in vielen Dojos zu Unrecht vernachlässigt. Hinweise zum richtigen Atmen und der richtigen Haltung geben dem Anfänger einen sehr schönen Einstieg und dem Fortgeschrittenen ein hilfreiches Wiederentdecken von Altbekanntem.

Wer dann detailreiche Beschreibungen von Aikido-Techniken erwartet, wird enttäuscht. Es geht im Weiteren viel mehr um das eigene Ich, mehr um Formen als um WAZA, um die Etikette im Dojo und das harmonische Miteinander von Uke und Nage. Das Autorenduo beschreibt mit einem gewissen Ernst in der Sache Aikido-Basiswissen und achtet auf die Übertragbarkeit auch außerhalb des Dojos. Dieser Schwerpunkt ist konsequent gewählt, so lässt sich allein anhand der Kapitelüberschriften („Gespür für sich“, „Selbstsicherheit“, Bescheidenheit“, „Gelassenheit“ usf.) nicht ableiten, dass man es mit einem Aikido-Buch zu tun hat. Am Ende jeden Kapitels werden die vorher beschriebenen Kernthesen zusammengefasst.

Die Autoren verstehen Aikido als eine den Menschen formende, gewaltlose Kampfkunst. Wer sich mit dieser Interpretation identifiziert wird das Buch mögen. Fazit: Viel DO, weniger BU, die Autoren verfolgen zweifellos einen Erziehungsauftrag – hin zu einem gewaltlosen, friedfertigen Menschen, einer „gesunden Charakterbildung“.

Mir ist bis jetzt noch kein Budo-Buch untergekommen, welches den Spaß betont, den man beim Training im Dojo hat. Das Gefühl, dass einem das Herz aufgeht, wenn man still und voller Freude trainiert. Wenn Ukes Angriff beherzt kommt, ernst gemeint und die Verteidigung effektiv, klar und scharf ist. Ja, auch harmonisch, sonst kann KI nicht wirken, können Uke und Nage nicht verschmelzen, aber Aikido ist Kampfsport - kein Tanz.

Empfehlung: ein schönes Einstiegsbuch.

Gelesen, bewertet und beschrieben von Nicole Knudsen

Rezension Nummer Fünf: Michael von Brück / Religion und Politik im Tibetischen Buddhismus

Ein unerwartetes Buch steht als nächstes auf der Liste der Rezensionen. Eigentlich hat das Werk von Michael von Brück nichts mit Budo zu tun. Scheinbar. Und doch ist es an dieser Stelle richtig. Die Wurzeln des Budo liegen im Buddhismus und Shintoismus. Buddhismus - Tibet – Dalai Lama – für viele gehören diese Vokabeln untrennbar zusammen; insbesondere der friedliebende  14. Dalai Lama prägte in Deutschland das Bild einer von Harmonie und Liebe beseelten Religion. Ist das zu kurz gesprungen? Vielleicht ist es für den einen oder anderen Leser hilfreich, sich mit dem Kontext des Buddhismus` auseinanderzusetzen. Dieser Kontext muss historisch betrachtet werden und das gesamte Soziogefüge umfassen – inklusive der sich zur Religion parallel entwickelnden politischen Rahmenbedingungen. Auch wenn der Schwerpunkt des Buches im tibetischen tantrischen Weltbild liegt, ist es doch geeignet, beispielhaft für diesen Kontext zu stehen. Um es gleich vorweg zu nehmen: Der Autor, Religionswissenschaftler und seit mehreren Jahrzehnten Dialogpartner des 14. Dalai Lama, räumt auf mit der Mystifizierung einer feinstofflichen Religion deren Anhänger durchweg friedliebende Mönche waren.                                      

Der erste Teil des Buches beginnt mit der schwierigen Phase der ersten Christianisierungsversuche im 13. Jahrhundert, die geprägt waren von westlicher Projektion katholischer Kulturen und das Bild des Dalai Lamas noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts als ein „die Weltherrschaft anstrebender“ papstgleicher Religionsführer beeinflussten. Das machte Tibet für die Missionare nicht eben sympathisch. Bis heute hat der Buddhismus für die Tibeter einen anderen Stellenwert als das Christentum für den säkularisierten Westen. Er ist von dem tiefen Verständnis durchzogen, dass jeder Mensch „Buddhaschaft“ in sich trägt und nur so das a priori leidvolle Leben erträgt - was wiederum zu einer gewissen gelasseneren Mentalität führt.

Weiter geht es mit der Beschreibung der wechselhaften Geschichte Tibets und den zahlreichen kriegerischen Auseinandersetzungen. So  erfasst der zweite Teil des Buches chronologisch die Geschichte des dünn besiedelten Landes, welches doch für zahlreiche (mongolische und chinesische) Besatzer attraktiv erschien, mal von der einen Seite, mal von der anderen Seite und mal stellvertretend von einen Dritten als Schauplatz machtpolitischer Konfrontation diente . Doch auch ohne äußere Einflüsse war das Land nicht einheitlich, hatte keine homogenen Strukturen und war keineswegs durchweg harmonisch, schon gar nicht im Umgang mit den Dalai Lamas. Erst der 14. Dalai Lama modernisiert das Land, verhilft zu einem normaleren Frauenbild und schafft es durch seine Ausstrahlung und seine Betonung der Grundfesten „Weisheit und Barmherzigkeit“, weltweit Sympathien für sich, Tibet und den Buddhismus zu erzeugen.    

Das dritte Kapitel taucht ein in die Tiefen des tantrischen Buddhismus, spätestens hier trifft der Budoka alte Bekannte. Leere, Ich-Losigkeit, die Verbundenheit mit allem und die daraus sich ergebende Buddhaschaft sind nur einige. Das vierte Kapitel erläutert dann all die anderen ebenso gegenwärtigen Gottheiten und beschreibt die sich daraus ergebenden Loyalitätskonflikte. Für dieses Kapitel muss der Leser schon ein gehöriges Verständnis für tibetische Konnotation und Linguistik mitbringen, ansonsten verliert man sich schnell – oder eilt weiter zum letzten Kapitel, dem Interview mit dem 14. Dalai Lama. Und hier scheint sich das Bild wieder zurecht zu rücken, das sich heute in unseren Köpfen formt wenn wir von Buddhismus reden. Im Dialog mit dem Autor spricht der 14. Dalai Lama über Gewaltlosigkeit, Verantwortung der Religionen und den Weltfrieden. Dann ist alles wieder gut und der Leser nach diesem Parforceritt durch die Geschichte eines kriegerischen, gewaltgeprägten (buddhistischen!) Patriachats wieder mit sich im Reinen.

Empfehlung: hilfreich.

Gelesen, bewertet und beschrieben von Nicole Knudsen

Rezension Nummer Sechs: Jäger, Zölls, Poraj / ZEN im 21. Jahrhundert

Was hat ZEN mit Aikido zu tun? Oder mit Budo? Gehört die Beschreibung dieses Buches - geschrieben von drei Autoren - hierhin? Irgendwie schon, wie ich finde. Budo hat naturgegeben seine Wurzeln im Buddhismus oder Shintoismus, ist geprägt von einer Welt, die nichts mit unseren Kontexten oder Konzepten zu tun hat, entstanden als Kriegskunst in einer fernöstlichen Spiritualität. ZEN hat dort ebenfalls seinen Ursprung. Beide haben ihren Weg durch Raum und Zeit zu uns gefunden.

Der erste Autor, Willigis Jäger, Schüler der japanischen Sanbo-Kyodan-Schule und seit 1996 ZEN-Meister, will mit diesem Buch nach eigenen Aussagen ZEN als transkonfessionelle spirituelle Praxis etablieren. Das wird gleich an mehreren Stellen deutlich, immer wieder legt er Augenmerk darauf, dass ZEN nicht zwangsläufig zu einer fernöstlichen Spiritualität gehört (und schon gar nicht mit dem Buddhismus verheiratet ist), sondern ebenso einen hilfreichen Baustein für christliche / westliche Religionen darstellt. 

Mit zahlreichen Allegorien und Sinnsprüchen macht Jäger deutlich, was die Essenz seines ganz eigenen ZEN-Weges ist, angefangen bei der Sinn-Suche, nicht endend bei der kosmischen Einheit.

Im zweiten Teil des Buches, geschrieben von Doris Zölls, geht es unter anderem um den Wunsch nach mehr Achtsamkeit in und mit allem. Dieses zu lernen ist der Nukleus im ZEN. Damit wird dieses Buch wieder hochaktuell, der Ruf nach mehr Achtsamkeit zieht sich schon seit Monaten durch die zeitgenössische Literatur, mehr als fünftausend Titel listet ein online-Buchhändler zu diesem Schlagwort auf, mehr als dreihundert Kalendertitel wollen, dass Achtsamkeit uns durch das Jahr begleitet. Eine Modeerscheinung vielleicht oder ein Gegenentwurf zur vermehrt auftretenden Individualisierung.

Nach Zölls zumindest nichts, was sich auf Seminaren oder aus dem reinen Lesen erlernen lässt. Vor einem konstruktivistischen Hintergrund zeigt nur Erfahrung den Menschen den Kern der (buddhistischen) Achtsamkeit. Auch dieses Kapitel ist gespickt mit zahlreichen Beispielen aus der japanischen Spiritualität und Zitaten konfessionsübergreifender Vordenker.  

Der dritte Teil ist ein sehr persönlich in Ich-Form geschriebener Beitrag von Alexander Poraj. Er beschreibt, wie er auf seiner Sinn-Suche durch die christliche Spiritualität mäandrierte, doch letztendlich daran scheiterte, dass ihn diese immer weiter – von ihm weg – hin zu einem „Subjekt Gott“ führen wollte. Ein projiziertes Subjekt, was nur außerhalb seines (des Autors) eigenen Selbst lebte. Selbst in der christlichen Mystik mit ihrem Ansatz des Gottes in uns, fand der Autor nicht die erhofften Antworten - bis er auf den ZEN-Weg Jägers stieß. Und ihm deutlich wurde, dass er seinen Sinn des Lebens nicht in etwas „außerhalb“ fand, sondern in sich selbst. ZEN ist im Gegensatz zum christlichen Ansatz also ein höchstpersönlicher, individueller Weg hin zu der bereits in den vorherigen Rezensionen erläuterten Selbst-, Absichts- oder Ich-Losigkeit.

Das macht ZEN für den Leser, der von christlich-westlicher Kultur geprägt ist, zu etwas sehr Egoistischem. Während hier Altruismus und Nächstenliebe prioritär sind, ist es dort die individuelle Suche nach Erkenntnis.

Da ZEN nach der Meinung der Autoren also nichts „Erlerntes“ sein, nicht auf ein altes Leben aufgesetzt oder drübergestülpt werden kann, sondern ein zu erfahrender Moment des „Eins-Seins“ im Jetzt bedeutet, stellt sich auch nicht die Frage, ob sich ZEN in den Alltag integrieren lässt. ZEN ist ein untrennbar vom Alltag zu erfahrenes Lebensmodell.

Empfehlung: Enthält Impulse für Suchende.

Gelesen, bewertet und beschrieben von Nicole Knudsen

Rezension Nummer Sieben: Miyamoto Musashi / Fünf Ringe - die Kunst des Samurai-Schwertweges

Um die Kunst des Schwertweges des Samurai-Meisters (und nach eigenen Angaben erfolgreichsten Schwertkämpfers seiner Zeit) Miyamoto Musashi geht es in diesem Buch. Musashi begründete im 17. Jahrhundert seine eigene Schwertschule (Nito-Ichiryu), die er die „Fünf Ringe“ (Gorin-no-sho) nannte. Dahinter verbergen sich Techniken, die der Meister der Erde, dem Wasser, dem Feuer, dem Wind und der Leere zuordnete. Der Buchrücken spricht davon, dass der Leser sich diesen Anweisungen öffnen soll, um Erkenntnisse über Strategie, Planung und Selbstanalyse zu erhalten.

Stutzig gemacht hat mich der letzte Absatz des Buchrückens, der das Buch jedem empfahl, der seinen Weg direkt gehen und schnell und effektiv lernen will. Kann Effektivität und Schnelligkeit Sinn des Schwertweges sein? Was ist ein direkter Weg? Ich habe es trotzdem gelesen.

Das Vorwort des Übersetzers und die Vorrede Musashis besänftigten mich etwas. Der Hinweis, dass Samurai auch immer andere „Wege“ beschreiten sollen, zum Beispiel den Tee-Weg (Cha-Do) oder den Schreib-Weg (Sho-Do), wird unterstrichen durch zahlreiche Kalligrafien des Meisters, die das Buch aufwerten. Dann folgen die Anweisungen des Meisters. Im Buch Erde beschreibt er den Hintergrund seiner Schule, geht auf Waffen ein und betont die Wichtigkeit des Übens. Den Abschluss des Kapitels bilden neun Regeln: Von „Sei nie arglistig in deinen Gedanken“ bis zu „Unternimm nichts Nutzloses“.

Im Buch Wasser folgen auf kurze Erläuterungen zum Auftreten und Haltung eines Kriegers dann die Beschreibungen der Techniken. Wer jetzt die spirituellen Hintergründe der verschiedenen Schwertübungen erwartet, wird enttäuscht. So wie ich. Ich hatte übersehen, dass Musashi ein Samurai des 17. Jahrhunderts war. Als Kind seiner Zeit lag sein Augenmerk auf Kampf in „echten“ Auseinandersetzungen. Die Positionen und Hiebe des Langschwertes sollten vor allem eins: schnell Töten. Wem das zu wenig ist, braucht hier eigentlich nicht weiterzulesen. Das Buch Feuer knüpft direkt daran an, es beschreibt verschiedene Taktiken mit dem Ziel eines siegreichen Endes im Krieg. Im Buch Wind offenbart sich Musashi dann eher als rechthaberisch, der unversöhnlich seine eigene Schule als die einzig richtige interpretiert und begründet ausführlich, warum andere Schulen ungeeignet sind. Als Leser hat man eher den Eindruck, dass der Autor hier psychische Defizite verarbeitet.  Das letzte Buch Leere besteht nur aus zwei Seiten, auf denen man natürlich keine tiefer gehende geistige Klarheit erwarten kann. Die Sätze bleiben oberflächlich und banal.

Und so endet das Buch.

Hilfreich allein ist dann der ausführliche Kommentar, der durch seine aufschlussreichen Kontextbeschreibungen doch noch etwas versöhnt. Vielleicht hätte man diesen an den Anfang stellen sollen.

Empfehlung: Musashi ist ein Kind seiner Zeit. Er beschreibt das Überleben eines Samurai im 17. Jahrhundert. Nicht mehr, nicht weniger. Wer tiefe spirituelle Erkenntnisse über den „Weg des Schwertes“ sucht oder sein Verständnis hierfür ergänzend zum Schwerttraining erweitern möchte, sollte ein anderes Buch wählen.

Gelesen, bewertet und beschrieben von Nicole Knudsen

Rezension Nummer Acht: Horst Tiwald / Psycho-Training im Kampf- und Budo-Sport sowie weitere Veröffentlichungen des Autors

Der Autor, inzwischen verstorbener Universitätsprofessor für Allgemeine Theorie des Sports (mit dem Schwerpunkt "Sozialphilosophie und Psychologie") an der Universität Hamburg, schrieb mehrere Bücher zum Themenkomplex "Transkulturelle Bewegungsforschung". In dem nun besprochenen Buch geht es schwerpunktmäßig um sein Buch „Theoretische Grundlegung des Kampfsports aus der Sicht einer auf dem Zen-Buddhismus basierenden Bewegungs- und Trainingstheorie“. Gleichwohl habe ich Hinweise auf seine anderen Veröffentlichungen der thematischen Nähe wegen mit einfließen lassen. Es ist also eher eine „Autorenbewertung“ als eine reine Buchbeschreibung. Deswegen fällt der folgende Text auch etwas länger aus.

Tiwald beginnt sein Buch mit einem deutlichen Hinweis darauf, warum sich Budosportarten so sehr von anderen Sportarten wie Leichtathletik, Rudern oder Schwimmen unterscheiden. Letztere sind Sportarten, bei denen man es durch motorische Fertigkeiten (Kraft, Schnelligkeit, Ausdauer etc.) in einer standardisierten Umgebung zu großem Erfolg bringen kann. Sie sind resultatorientiert. Der Verbesserung der Wahrnehmung kommt eine nicht so große Bedeutung zu, was einen großen Einfluss auf das Psychotraining hat. Der Autor geht ein auf die Kraft der (positiven) Aggression, die einen Menschen bei solchen Sportarten zu Höchstleitungen bringen kann. Ganz anders stellt sich die Situation bei komplexeren Sportarten wie Budo dar. Aggression würde hier nur stören.

Er bedauert, dass das Budotraining in der westlichen Welt trotzdem häufig auf motorische Fertigkeiten reduziert wird – wenn auch mit einigem Erfolg im Wettkampfsport. So kann ein Judoka seinen Kampf auch gewinnen, weil er seinem Gegner an diesen Fertigkeiten überlegen ist. Komplexe Bewegungsabläufe lassen sich durch Kraft oder Schnelligkeit ersetzen, die Verbesserung der Situationswahrnehmung wird vernachlässigt. Das mag genügen für einen kurzfristigen Erfolg, auf Dauer allerdings führt dieser Weg in eine Sackgasse, wie Tiwald anhand vieler Beispiele erläutert. Und er stellt der Kraft, Schnelligkeit und Ausdauer Gelassenheit, Geduld und Beharrlichkeit gegenüber. Im japanischen Bogenschießen, ebenfalls einer DO-Kunst, geht es auch nicht um das Teffenlernen, sondern um das Schießenlernen. Wer nicht zielt, lernt treffen!

Im nächsten Kapitel beschreibt Tiwald sehr verständlich die Aspekte buddhistischer Psychologie, geht ein auf das Bild Buddhas in Europa und erklärt die fünf Stufen des ZEN. Wer Georg Schrotts Aikido-Buch Ohne Schwert und ohne Dogma (siehe Rezension Nummer zwei) gelesen hat, findet in diesem Kapitel hilfreiche Erläuterungen, was mit „Nicht-Ich“ oder „Nicht-Tun“ gemeint sein könnte.

Im Dritten Kapitel geht es um den Stellenwert der Aggression im Budo, die Formen der Aufmerksamkeit, die Bedeutung des Atmens, das Training der Geistesgegenwart und die Prinzipien der Gelassenheit. Dabei spricht Tiwald sich aus für eine „Humanisierung“ des Sports und einer Beseitigung der Aggressivität durch eine Übertragung der geistig-psychischen Grundlagen fernöstlicher Kampfkünste auf andere Sportarten und letztendlich auf den Alltag. Insbesondere die Prinzipien der Achtsamkeit und Aufmerksamkeit, die zur ganzheitlichen Wahrnehmung führen, lassen sich bei einem ernsthaften Üben nicht mehr vom Alltag trennen. Wie auch Deshimaru-Rosh in seinem Buch über „ZEN in den Kampfkünsten Japans“ (siehe Rezension Nummer Eins) kommt der richtigen Atmung eine große Bedeutung und ein eigenes Kapitel zu.

Lesenswert ist auf alle Fälle auch das Kapitel über Formen und Bewegungen. So mancher Judoka wird das Uchi-Komi dann vielleicht mit einer tieferen Bedeutung versehen und seine Übungsabsicht anpassen. So mancher Budoka wird seine immer wiederkehrenden Technik-Übungen nicht mehr als eine von der Form losgelöste Funktion interpretieren. Budo ist eben kein Geräteturnen, bei dem man es mit eifrigem Fertigkeitstraining weit bringt. Beim Budo ist eine „echte“ Wiederholung der Technik schlechterdings nicht möglich, jeder Angriff und jeder Uke sind anders, jede Übung ein „erstes Mal“. So muss das „Funktionieren“ gelernt werden, nicht die Form. Beim Geräteturnen zum Beispiel mögen sich Abläufe mental einprägen und zur rechten Zeit abrufen lassen, beim Budo ist dieses schwieriger. Man kann in den Kampfsituationen, und seien sie auch noch so gut aufeinander abgestimmt (wie bei einer Kata), keine geübten Antworten abrufen und darauf vertrauen, dass vom Gegner die richtigen Fragen kommen. Das Training der Gelassenheit, des Warten-Könnens (Nicht: Teilnahmslos!), der Geistesgegenwart kommt eine größere Bedeutung zu (sehr schön hier auch die Unterscheidung zwischen Geistesgegenwart und Reaktionsschnelligkeit). Man soll also beim Training „daher nicht tun was man denkt, sondern denken was man tut“. Hier wieder ein Bezug zu dem Buch von Georg Schrott (siehe oben), der ebenfalls das Nicht-Denken beschreibt, und meint, dass zwischen Denken und Tun „kein Blatt mehr passen soll“.

Das Buch schließt mit der Beschreibung der Unterschiede der Budo-Sportarten. Insbesondere geht Tiwald auf Judo ein, das häufig als olympische Disziplin und nicht als System trainiert wird. Jigoro Kano, der Begründer des Judo, hat dieses frühzeitig erkannt, seine Antworten können als Zitate nachgelesen werden.

Tiwalds Buch „Zen nicht-miss-verstehen“ ist dagegen weniger praxisorientiert, eher eine philosophische Auseinandersetzung mit dem Buddhismus und dem ZEN. Dabei führt Tiwald den Leser mal hierin, mal dorthin, eine Aufsuchung gedanklicher Orte, die sicherlich zum Verweilen einladen. Über viele seiner Aussagen muss man nachdenken. Für das Lesen der 185 Seiten sollte man sich also Zeit lassen.

In dem Buch Die Leere und das Nichts- eine Philosophie der Bewegung oder über das Schmecken von Yin und Yang stellt der Autor von vornhinein klar, dass er kein Freund eines schlechten Umgangs mit der Sprache ist. Bereits im Vorwort unterscheidet er nicht nur aus semantischer Liebhaberei zwischen dem MÖGLICHEN und dem UN-MÖGLICHEM (… dass die Möglichkeit etwas unbestimmt Offenes ist, während die Un-Möglichkeit sich als etwas Sicheres und unerbittlich Notwendiges anbietet…). Begriffe wie „Da-Sein“ und „So-Sein“, die Wichtigkeit mit dem anderen „Eins zu werden“, ohne sich dabei zu verlieren – das sind die Inhalte der nächsten Kapitel. Ausführlich werden dann Ying und Yang beschrieben (…Weder das Yin noch das Yang hat aber selbst irgendein ‚Sosein’.

Erst zusammen ist es bloß das ‚Dasein’ eines ‚Unterschiedes’…). Sehr schön ist dabei die Beschreibung der Bewegungen im Taijiquan, der Tiwald dann ein eigenes Buch widmet. Das Buch über Ying und Yang endet mit eigenen philosophischen Ansätzen, (ähnlich seinem Buch über ZEN) und seinem Gedanken-Modell der „Biophotonen“.

Das Vierte hier beschriebene Buch Tiwalds Bewegen im TAIJIQUAN - Über Achtsamkeit und Kraft ist dann wieder eine eher budonahe Veröffentlichung.  Sehr anschaulich und auch mit einer Anleitung für praktische Übungen wird jeder das Buch verschlingen, der auch Georg Schrotts Buch über Aikido (siehe oben) mochte. Ich fand es schwer, mir unter  der Kraft des Nicht-Tun (bei Schrott: Wu-Wei im Kapitel Mu-I, ab Seite 269) wirklich etwas vorzustellen. Dabei ist es ausgerechnet das NICHT-TUN, was es ermöglicht, das für Budo so wichtige Denken und Handeln gleichzeitig passieren zu lassen (…dass kein Blatt Papier dazwischen passt…). Wem es ähnlich geht, dem empfehle ich Tiwalds Kapitel über "Pushing Hands" im Tai Chi. Tiwald hat ein Buch über TAIJIQUAN geschrieben, doch die seelische Verwandtschaft zum Budo zieht den Leser in den Text hinein – und macht das Auftauchen schwer.

 

Empfehlung: Absolut lesenswert. In seinen Büchern griff Tiwald viel von dem auf, was in den anderen Rezensionen bereits beschrieben wurde. Einige seiner Veröffentlichungen sind allerdings nur für Philosophie-Liebhaber. Die Bücher Psycho-Training im Kampf- und Budo-Sport; Bewegen im TAIJIQUAN - Über Achtsamkeit und Kraft; Zen nicht-miss-verstehen; Die Leere und das Nichts- eine Philosophie der Bewegung oder über das Schmecken von Yin und Yang stellte der Autor auf seiner Homepage neben weiteren Schriften und Texten zum Download zur Verfügung: www.horst-tiwald.de.

Rezension Nummer Neun: A.B. Chang Ch’un-shen /Dann sind Himmel und Mensch in Einheit

Folgt in Kürze.